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Geschichte, Gründung und Gestaltung

Eine faszinierende Architektur – entworfen von Josephine Barbarino.

 

Schon den alten Römern war das Naturtheater zu Füßen der Allgäuer Alpen eine Reise wert – die Via Claudia Augusta führte von Verona am Lech entlang nach Augsburg, direkt unter dem Barockgarten des Musiktheaters Füssen hindurch. In Füssen bauten die Augsburger Fürsterzbischöfe ihre Sommerresidenz; in der Renaissance war die Stadt vor allem wegen ihrer Lautenmacher bekannt. Ludwigs ll. Vater, Maximilian ll., entdeckte die Gegend neu und baute eine Schlossruine zu Hohenschwangau aus. Dort wuchs sein Sohn auf und baute sich ab 1869 sein eigenes Schloss, Neuschwanstein. Seit 1955 wird im Sommer der Lech zum Forggensee aufgestaut.

Am 25. August 1998, dem 153. Geburtstag von König Ludwig ll., wurde der Grundstein für das Festspielhaus Füssen auf einem eigens im Forggensee aufgeschütteten Grundstück gelegt. Die Eröffnung des Theaters fand am 25. März 2000 statt, der erste Spielbetrieb mit der weltweit beachteten Uraufführung des bis heute in seinem Aufwand einzigartigen Musicals „Ludwig II. – Sehnsucht nach dem Paradies“ von Stephan Barbarino, Franz Hummel und Heinz Hauser am 07. April 2000.

 

Der fächerförmige Zuschauerraum schmiegt sich in den südlichen Halbkreis hinein; der nördliche Halbkreis aber spannt sich wie eine gigantische Apsis um die Kurve der riesigen Drehbühne. Zehn schlanke Stützen stehen im Halbkreis um die Drehbühne und formieren mit der Rückwand einen Rundhorizont, der den Erfindern des Musicals „Ludwig ll. – Sehnsucht nach dem Paradies.“ die Möglichkeit zur überwältigenden landschaftlichen Tiefenperspektiven und zu Innenraumwirkungen von wahrhaft märchenköniglichen Größenordnungen spendierte. Die vordere Hälfte der Drehscheibe fährt in das Rechteck der Hauptbühne hinein, über dem die Kulissen in den Bühnenturm hochgezogen werden. Die Drehbühne – mit 28 Metern Durchmesser die größte bespielte Deutschlands – wird also zum Anlass für einen eindrucksvollen Halbrundbau, der mit dem Halbrund des Publikumsbereichs bestens harmoniert.

 

Um den haushohen Beton-Zyliner des Rundhorizonts läuft in vier Geschossen je ein Gang herum, der in einem langen Bogen die außen liegenden, also zur Landschaft sich öffnenden, tagsüber schön hellen, also gar nicht gruftartigen Künstlergarderoben, Kostümdepots, Verwaltungs-, Sozial- und Sanitärräume erschließt. Wer die eingeklemmten lichtlosen Kantinenhöhlen in anderen Theatern, etwa in der legänderen Met in New York – kennt, der traut seinen Augen nicht, wenn er das strahlende helle Panoramarestaurant im Scheitel der Bühnenkurve betritt. Und noch einen praktischen Vorteil bringt der mächtige Rundbau des Bühnenhauses mit sich: Über der halbrunden Hinterbühne und Garderobenring, also direkt unter dem teilweise verglasten Dach, ist Platz für eine zweite, kleinere Bühne, auf der z.B. Podiumsdiskussionen oder Proben für die darunterliegende Drehbühne statt finden können.

 

Josephine Barbarino, die Architektin des wundervollen Theaters in Füssen hat also die funktionalen und ästhetischen Vorteile der auf Ludwig beziehbaren Theater schlüssig miteinander kombiniert; sie hat die theaterinternen und die öffentlichen Funktionen in architektonisch deutlich profilierten, großzügig dimensionierten Trakten seperariert und so einen musiktheatralischen Idealtypus gefunden, der in der Sprache der Moderne selbstbewusst mit der Vergangenheit und der königlichen Nachbarschaft konferiert und gerecht wird.

Der einzige Luxus, den sich die Erbauer des Festspielhauses geleistet haben – er hat nicht viel gekostet, bringt aber für die Besucher enorm viel -, sind die, mit städtischen Verhältnissen verglichen, geradezu verschwenderischen Dimensionen, die das Haus auf der 45.000m² großen künstlich geschaffenen Theaterinsel annehmen konnte: 160 Meter ist das Gebäude mit seinen beiden Seitenflügeln und den Pavillons an den Enden breit; nicht einmal das kaiserlich-königliche Burgtheater in Wien kann da mithalten. Und so wie das Burgtheater am Ring auf das gegenüberliegende Rathaus axial Bezug nimmt, so ist das Festspielhaus Füssen in ganzer Breite axial auf die ferne Kulisse von Schloss Neuschwanstein hin ausgerichtet, ja es öffnet sich mit seinen Flügeln in einer großen Geste zum Königsschloss hin. Macht man sich klar, mit welch minimalen Konstruktions- und Dekorationsmitteln der vielteilige, multifunktionale Bau erreicht und ausgestattet wurde, dann kann man nur von einem Triumph der Ökonomie sprechen.

 

 

Der elegante Rythmus der einzelnen Teile und die ästhetische Erscheinung des Gesamtbaus werden ausschließlich von bautechnischen Elementen bestimmt; oder anders ausgedrückt: Die innen wie außen überall sichtbare, rohe, unverkleidete Tragekonstruktion aus Fertigbeton ist der einzige Schmuck der Architektur. Das klingt nach Brutalismus im Stil der 60er Jahre, hat aber fast eine gegenteilige Wirkung: Die Reduktion der tragenden Elegemente auf die schlanken Doppelstützen machte es möglich, die Wände an der langen Südfront, also zum See, zu den Alpen und zu den Schlössern hin, von oben bis unten in Glas aufzulösen und so das Tageslicht und die Natur bis tief in die Publikumsbereiche hereinzuholen. Die langen Seitenflügel mit den luxuriös breiten Kolonnaden davor werden so zu Wandelhallen, um die mancher Kurort zu beneiden wäre.